Wenn am letzten Wochenende der Sommerferien in Meldorf Männer in schwarzen Anzügen, weißen Hemden und Handschuhen sowie Zylinder der Dithmarschenhalle zustreben, ist das nicht eine besondere Version von „Men in black“, sondern die Meldorfer Bürgergilde.

Die Meldorfer Bürgergilde, die man 1749 gegründet glaubte, ist der mit Abstand älteste Meldorfer Verein, denn einer der Vorläufer, die so genannte Alte Gilde, hat bereits in der Zeit vor 1571 auf einen Vogel geschossen. Laut Gildebuch für die Jahre 1683 bis 1741 hatte sie einmal eine gesellschaftspolitische Funktion; sie diente dazu, wie wir von Dr. D. Launert wissen, als eine Art Bürgerwehr die Männer im Schießen zu trainieren. Daneben hatte die Gilde auch einen karitativen Zweck, die Gildebrüder sollten sich im Todesfall helfen; zudem wollte man seit Alters her gemütlich beisammen sein. Zugleich diente diese Gilde seit 1573 auch als Brandgilde, also als Brandversicherung. Die Gilde war also Ausdruck bürgerschaftlichen Engagements.

Zum Umfeld der Meldorfer Bürgergilde gehören aber auch die Papagoyengilde von 1686, die Totenzunft von 1729 sowie die Melldorffische Stallgilde von 1732.

Das Königsschießen feierte 1691 Premiere, wurde dann aber nicht regelmäßig durchgeführt, wenn etwa die Umstände dagegen waren, zum Beispiel Krieg oder Pest. Ursprünglich schoss man auf den Vogel, dann auf eine Scheibe, und seit 1824 schießen die Gildebrüder bis heute auf den Vogel.

Für die Zeit nach 1741 gibt es keine Eintragungen mehr für die Alte Gilde, weil die ländlichen Brandgilden verboten wurden, um durch landesherrliche Brandkassen ersetzt zu werden.
Dagegen wurde am 12. Dezember 1749 in Ergänzung zur Totenzunft auch eine „Lustgilde“ gegründet, um, wie es hieß und wir von L. Treplin wissen, „für die Erheiterung der Lebenden Sorge zu tragen“. Diese sollte aber im Rahmen des Schicklichen bleiben, wurde doch ein „gesittetes und anständiges Betragen“ erwartet. Langsam, aber sicher wandelte sich die Totengilde zur Lustgilde.

Aus den Folgejahren seien einzelne Ereignisse erwähnt: 1823 paradierte die Gilde vor dem dänischen König, einige Jahre später bewachte sie den dänischen Prinzen Christian, um dann 1848 die Deutsche Revolution zu unterstützen. 1859 gar wurde der Austritt aus der Gilde mit einer Strafzahlung geahndet.

Aber zumeist stand das Vereinsleben im Mittelpunkt, auch wenn das nicht immer unfallfrei abging: so überlebte im Jahre 1923 eine Kuh nicht das Schießen mit dem Kaliber 98 über die Heesch-Weide bei der heutigen Kleingartenanlage, weil sie dem Schützen vor den Lauf lief – der Schaden wurde per Umlage reguliert. Dieses Gildefest 1923 war zudem ein Beleg dafür, dass die Gilde nicht außerhalb der Politik stand und steht, denn es war das erste Fest nach dem Ersten Weltkrieg.

Und natürlich ging auch die Nazizeit nicht spurlos an der Meldorfer Bürgergilde vorbei, wenn auch erst relativ spät; 1938 wurde die Bürgergilde durch den Zwangsbeitritt zum Deutschen Schützenverband gleichgeschaltet. Nach dem Gildefest vom 20./ 21 August 1939 fanden wegen des Krieges und des politischen Drucks keine Gildeveranstaltungen mehr statt.

Das offizielle, aber nur vorläufige Ende fand die Meldorfer Bürgergilde im Mai 1945, als die britische Militärregierung sie verbot wie alle Vereine, die von den Nazis gleichgeschaltet worden waren.

Toterklärte leben länger. Am 6. August 1949 erwies sich die Gilde dann als höchstlebendig, sie wurde unter der Leitung von Hans Heide (1. Ältermann) und Ferdinand Hinrichs (2. Ältermann) neu gegründet, das 1. Gildefest nach dem Krieg fand am 28/ 29. 8. 1949 statt.

Hans Heide, Max Gündel, Karl Heinz Jannsen und Michael Jannsen waren (und sind) die Ersten Älterleute, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer bemerkenswerten personellen Stabilität die Geschicke der Gilde, deren Bedeutung auch vom Land mit der Verleihung der Ehrenkette gewürdigt wurde, leiten.
Aber auch Kleinigkeiten sind berichtenswert: Joseph Sökefeld stiftete 1963 die Königinnenkette, seit 1964 muss der Gildeanzug beim Umzug verbindlich getragen werden; und seit 1989 muss der jeweilige König einen Baum pflanzen, so dass die Gilde auch mit zum grünen Erscheinungsbild unserer Stadt beiträgt, auch dies ist wieder ein Ausdruck bürgerschaftlichen Engagements.

So gesehen, ist die Meldorfer Bürgergilde auf ihrem Weg aus dem 16. Jahrhundert gut im 21. Jahrhundert angekommen, denn die Pfleg der Tradition bedeutet nach den Worten des ehemaligen Zweiten Ältermannes Rolf Hartmann, nicht die Asche aufzubewahren, sondern die Flamme am Leben zu erhalten.

Und wenn dann am Gildesonnabend der Hauptmann befiehlt: „Bürgergilde, antreten!“, ist dies der Beginn eines neuen Kapitels einer langen Geschichte und die Gildebrüder versammeln sich vor der Dithmarschen-Halle, um zunächst die Fahne vom Rathaus und dann den König von Zuhause abzuholen. Anschließend beginnt das Schießen auf den Vogel, das am Sonntagabend gegen 19 Uhr endet, wenn der neue König das letzte Stück vom Holzadler abgeschossen hat. Dann heißt es: „Hoch soll er leben“, erst der alte und dann der neue König, der dann nach Hause gebracht wird, bevor er beim Königsumtrunk gebührend gefeiert wird.

Möge dies noch viele Jahre so sein, denn nach der Gilde ist immer wieder vor der Gilde.

 

Dieser kleine Artikel beruht auf folgenden Grundlagen:

Treplin, L.: Geschichte und Geschichten der Meldorfer Bürgergilde von 1749 e. V. Meldorf 1999.,
Launert, D. u. Huesmann, E. A. (Bearbeiter): Das Meldorfer Gildebuch von 1683. Meldorf 2000.
Launert, D.: Das Meldorfer Gildebuch von 1683 – 1742. Meldorf 2004
Launert, D.: Das Meldorfer Gildebuch1683 – 1741. Dithmarschen 3/ 2007, S. 72 – 85.